Liebe (Ur-)oma

Viele Jahre lang hast du gelebt und deinen Kindern deine ganze Liebe geschenkt. Bis zuletzt war es dein grösster und einziger Wunsch, in der Nähe „deiner Kinder“ (inzwischen Enkel und Urenkel) zu sein. Dafür hast du gelebt. Wieviele Jahre weiss man nicht genau. Das ist auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, was du geleistet und hinterlassen hast.

Ich bin voll höchster Achtung dafür, dass du dich behaupten konntest, nicht nur selbst zu leben, sondern vielen Kindern zum leben und überleben verholfen zu haben. Den letzten Bissen hast du gegeben, wenn es um ein Kind ging. Und hast gestrahlt, sobald ein Kind in deiner Nähe war. Obwohl du sie meistens kaum mehr erkannt hast, ihnen längst nicht mehr nachlaufen oder sie aus eigner Kraft halten konntest. Die Kinder selbst haben dir die Kraft gegeben, zu leben.

glücklich mit Urgrosskind und Puppe
glücklich mit Urgrosskind und Puppe

Ich hoffe, deine Ahnen haben dich gut aufgenommen und dass du nun, da wo du bist, frei von allen irdischen Leiden bist. Dass du von dort weiterhin gut auf deine Kinder aufpasst, daran zweifle ich nicht.

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Ich muss zugeben: Die Koffer sind noch nicht alle verschwunden. Das hängt aber in erster Linie damit zusammen, dass hier noch kein Kleiderschrank steht. Eins nach dem anderen.

Inzwischen haben wir uns gut eingelebt. Aber das Zurückkommen und Abschliessen mit dieser Reise, den Erfahrungen, war nicht ganz einfach. Vor allem, weil es mit einigen Enttäuschungen verbunden war.

Die Erkenntnis nach fünf Jahren, dass man nicht mehr länger einfach „der Bruder“ ist, sondern jetzt „der Bruder in Europa“, trifft hart. Oder wie mein Mann sagte: „Ich bin nur ein guter Bruder, solange ich Geld habe.“ Beide Brüder hatten grosse Erwartungen, wie sie vom „Bruder in Europa“ profitieren könnten. Einer ging uns beleidigt aus dem Weg, der andere hat uns belogen und betrogen. Natürlich wussten wir schon vorher, dass man eigentlich niemandem trauen kann. Aber irgendwie dachten wir doch, die Brüder wären noch ein wenig aufrichtiger und loyaler. Eine grosse Enttäuschung, wenn man sich freut, die Familie wieder zu sehen, und feststellt, dass man nur mit offenen Armen empfangen wird, wenn man selbige auch grösszügig füllt.
Zurück in der Schweiz fragt mich mein Mann: „Habe ich mich in fünf Jahren so sehr verändert, oder hat sich Afrika so verändert?“ Er hat wohl so etwas wie einen Kulturschock in der Heimat erlebt. Es war hier nicht immer einfach, dazu kommt noch etwas Heimweh, da idealisiert man vielleicht ein bisschen die ferne Heimat und verdrängt das Negative. Dazu kommt, dass er nun nicht mehr „einer wie alle“ ist. Er ist „der aus Europa“. Und das verändert die Sache grundlegend. Bei Freunden und Verwandten erwartet man ganz selbstverständlich, dass er im Restaurant die Rechnung bezahlt (ja, nun ist es vorbei mit der Gastfreundschaft). Bei Geschäftlichem hofft man auf die baldige Abreise, um nicht, oder nur einen Bruchteil zu bezahlen. Und natürlich erwarten alle Geschenke.

Sehr ernüchtert, wenn nicht schockiert, hat mich die Aussage eines Neffen. Alle Kinder fragten natürlich, ob wir sie mit in die Schweiz nehmen würden. Ich fragte ihn also, wieso er denn in die Schweiz kommen möchte. Darauf folgte eine etwas verworrene, aber recht traurige Erklärung. Einfach um Europa mal zu sehen, und weil in Europa alles besser entwickelt ist als in Afrika, und er da ja etwas lernen könnte usw. usf. (nicht dass ich daran zweifeln würde dass er auf so einer Reise viel lernt. Seine Erklärung ging aber in die Richtung: „wir dummen, unterentwickelten Afrikaner müssen von euch intelligenten, zivilisierten Europäern etwas abschauen“. Kein Stolz, Afrikaner zu sein. Kein Glaube, es richtig und gut zu machen. Keine Hoffnung für den „afrikanischen Weg“ Dinge zu tun. Und das war die Aussage eines 10jährigen! Was für ein Weltbild, welches Selbstvertrauen wird er so aufbauen?

Körperliche Züchtigung von Kleinkindern, absolute Unterwerfung und autoritäre Erziehung, Korruption, Missgunst… all das sind Dinge, die im Moment noch im Kopf herumgeistern. Eine Gesellschaft und Mentalität, die sich so schnell nicht verändern wird.

Inzwischen sind wir wohl über die gröbste Enttäuschung hinweg. Der Glaube an dieses Land, in diesen Kontinent bleibt. Bereits sind wieder neue Ideen aufgetaucht. Und die alten natürlich nicht vergessen. Aber erst mal müssen wir all die Eindrücke und Erlebnisse sortieren. Ins Gesamtbild einfügen. Und danach machen wir weiter.

Byebye Seeland

Nun nehmen wir vorerst das letzte mal Abschied und damit hat diese Reise ihr geografisches Ende gefunden.
Die nächste Zeit werden wir mit Kisten auspacken, einräumen und ankommen verbringen.

Die Kleine findet im Moment sie wolle nicht wieder nach Afrika gehen. Da sie sich aber jetzt selbst ein Bild machen kann, können wir das gut  akzeptieren.

Ich habe ja jetzt Afrika gesehen

,

wie sie selbst sagt. Sie kennt nun ihre Grandmaman, Cousinen und Cousins, was man dort isst, wie man dort lebt, wie es riecht, usw. Natürlich ist Papa ein bisschen enttäuscht. Doch auch ihm geht es manchmal ähnlich. Und die Kleine hat nun neue Abenteuer vor sich: eine neue Umgebung, neue Freunde, bald kommt der Kindergarten. Und darauf freut sie sich schon. Auch für ihn wird es nicht einfach: das erste Mal umziehen in der Schweiz, das erste Mal in der Deutschschweiz leben und damit auch eine Arbeit finden auf deutsch. Das kostet im Moment noch viel Überwindung.

Wenn wir zur Ruhe gekommen sind und die Koffer endlich definitiv versorgt sind, werde ich sicher auch die Zeit finden, weiter zu berichten.

Kulturschock

Zurück in der Schweiz. Und ja, wir haben Anpassungsschwierigkeiten.

Am Samstag muss man ans einkaufen bis montags denken. Schon zwei mal leichten Sonnenbrand. Warme Kleider wären auch nicht doof. Ausserdem hab ich seit der Ankunft Verdauungsschwierigkeiten (ich tippe auf Milch/Produkte). Kind in der Dusche fast mit heißem Wasser verbrannt. Ich habe gestern meine Wäsche per Knopfdruck gewaschen!

Ansonsten genießen wir die schönen Dinge: Schokolade🙂 Freunde, den See, den Frühling. ..

Und noch einmal…

… Abschied.
Der Aufenthalt hier neigt sich zu Ende. Wir genießen noch die Annehmlichkeiten wie frische Kokosnüsse, Orangen, viel Wärme und Sonne, „Ruhe“… (Gut, wir schwitzen auch ein bisschen, zumindest wenn es wieder mal Stromausfall hat).
Ich habe wirklich viel Stoff, und diesmal auch ein Tamtam (auch Djembe genannt) gekauft. Die Koffer werden nicht nur voll, sondern vor allem schwer sein…

Die Kleine freut sich schon auf „Zuhause“, vor allem ihrer Freunde wegen. Der Abschied fällt ihr diesmal nicht so schwer. Wie Sie kürzlich antwortete, als ich sagte wir würden nicht so bald zurück kommen:

„ich weiß ja jetzt wie Afrika aussieht.“

Wenn wir zurück sind wird erst mal die Wohnungssuche losgehen. Ich hoffe ich finde dann noch mal Zeit für einen Rückblick oder so ähnlich. Und natürlich ein Ausblick. Sicher ist dem aufmerksamen Leser und der treuen Leserin nicht entgangen, dass ein paar Dinge nicht nach Plan verliefen.

Unsere Gesundheit

Schon nach gut zwei Wochen in Cotonou : Es ist heiss und hat es das erste Mal ausgiebiger geregnet. Und seit da hat es Mücken ohne Ende, der Mückenspray steht immer griffbereit. Zu Anfang unseres Aufenthaltes hielt es sich noch in Grenzen. Nun hier in Cotonou früh morgens oder abends, sobald es dämmert, wird man von allen Seiten angegriffen. In der Regel reicht es, die Füsse einzusprayen und sich weiters mit Kleidung zuschützen. Leggins reichen da übrigens nicht aus, habe ich bemerkt. Dafür lässt sich die Leggins mit Mückenspray einsprühen, ohne dass man danach voll ist von dem klebrigen, stinkigen Zeugs. Da die Mücken nun wirklich ziemlich aggressiv und viele geworden sind, haben wir auch mit medikamentöser Malaria-Prophylaxe begonnen. Zumindest solange wir in Cotonou (deutlich höhere Luftfeuchtigkeit als im Norden) bleiben.Nachts schlafen wir natürlich immer mit Mückennetz und ich versuche abends uns möglichst gut mit Mückenspray zu schützen. Kein Problem, weil die kleine Grosse Sprays schon immer liebte. Wir haben zusätzlich für Samira Malarone Junior besorgt (ich hatte aus der Schweiz nur Malarone als Notfallmedikament dabei). Wegen der weniger gravierenden Nebenwirkungen habe ich mich fürMalarone entschieden, trotz des hohen Preises (ca 120 Franken für beide. Für 12 Tage) und der täglichen Einnahme. Das morgendliche Schlucken der Tablette funktioniert meistens gut. Das Medikament soll mit Milch eingenommen werden, was für Kinder gut passt. Ich lege ihr die Tablette hinten auf die Zunge und weise sie an, einen grossen Schluck Milch zu nehmen. Manchmal klappt es auch nicht beim ersten Mal. Dann wird es leider unangenehm, denn die Tablette fängt an sich aufzulösen und schmeckt grässlich. Sie hat dann die Tendenz sie versteckt auszuspucken, daher kontrolliere ich immer ganzgenau nach.
Auch sonst geht es uns gesundheitlich gut. Der anfängliche Durchfall ist definitiv vorbei seit wir auch fast immer zuhause unser Essen selbst kochen. Mein Mann hatte noch mal ein paar Tage Probleme mit extremem Durchfall, mit viel Wasser und Kohletabletten wurde aber auch das überstanden. Wir trinkenMineralwasser oder filtern das Brunnenwasser (da hat es vor allem Algen vom Wasserturm drin). Ich hatte einmal in der ersten Woche Sonnenbrand, weil wir mittags unterwegs waren und ich keine Sonnencreme benutzt habe (auch sonst nehme ich die nicht). Unser kleiner Strolch hat innerhalb zweier Tage einen ganz andern Teint bekommen und verträgt die Sonne im Allgemeinen gut. Sie hat sogar ein paar Sommersprossen mehr bekommen. Da es hier sehr heiss und feucht ist, muss man sich mehrmals täglich, mindestens morgens und abends, gut « reinigen ». (Zur Duschmethode habe ich hier schon was geschrieben.) Der Staub, Dreck und Sand verklebt unerbittlich mit demSchweiss auf der Haut. Die Haut fühlt sich auch permanent klebrig an, fast wie wenn jemand Sirup darauf gesprüht hätte. Wer die Körperhygiene vernachlässigt, büsst es später. Etwa mit Hautausschlägen (fast alle Kinder sind hier mit Hitzepickeln übersäät) oder verstopften Poren, welche sich zu Furunkeln weiterentwickeln können. Ich bin froh haben wir ein Haus in guter Lage, hier weht meistens ein kühlender Wind und die vier Palmen im Hof spenden etwas Schatten.Natürlich wie das so ist bei kleinen Kindern, gibt es immer mal wieder Blessuren. Wir hatten gerade letzte Woche eine Serie von « Unfällen ». Nachdem sie auf der Strasse hingefallen war : Schürfung am Arm und Dreieck in der Hose. Später stand sie barfuss im Hof auf irgend ein Metallteil mit spitzenEcken : drei Löcher im Fuss die bluteten wie verrückt. Am nächsten Tag : Sturzflug, das Nachtessen landete am Boden (das war auch im ersten Moment der grösste Schock für sie). Sie hat zwei grosse Schürfungen am Fussrücken. Uns ist schleierhaft wie sie fiel und woran sie sich so verletzen konnte, es war schon dunkel. Was mir schon geholfen hat, als ich aufgerissene Haut vom Wäsche waschen oder Kokosnuss bekämpfen hatte, hilft auch jetzt : Zu Fusse der Palmen wächst hier im Haus Aloe Vera. 

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Aloe Vera Pflanzen in unserem Hof

Das Gel der Blätter wird direkt auf die Wunde getropft, ist antibakteriell und zudem kühlend. Ich vermute sogar, dass es die Fliegen etwas fern hält. Aloe Vera fördert die Zellerneuerung, weshalb damit besonders schnell neue Haut gebildet wird. Ich habe zwar Pflaster jeder Art (mit und ohne « Tierchen » etc.) mitgenommen, aber eine Wundcreme vergessen. Die wäre jetzt auch überflüssig. Pflaster sind übrigens hier nur was für die Kinderseele. Sie halten gefühlte fünf Minuten, vermutlich « schwitzt » man sie einfach weg. Und während die Tränen und das Geschrei unter der Dusche gross ist, sind die Wehwehchen z.B. beim Baden im Meer plötzlich vergessen. ;-)
Zur Gesundheit gehört auch die medizinsche Versorgung. Hier in Cotonou ist das grundsätzlich keinProblem. Es ist eine Grossstadt und verfügt über entsprechende Infrastruktur. Auch Ambulanzen haben wir mehrmals gesehen, nur dürfte die etwas länger benötigen als bei uns (der Verkehr ist ein ganz leidiges Thema hier). Apotheken gibt es überall,doch lohnt es sich, sie gut auszuwählen. Leider kann man nicht grundsätzlich von gut gebildetem Personal ausgehen. Genauso sind auch oft Medikamentenfälschungen sogar in Apotheken im Umlauf. Während die meisten Medikamente bei uns rezeptpflichtig sind (unsere Malariaprophylaxe kann ich in der Schweiz ohne ärztliches Rezept nicht kaufen), kriegt man hier eigentlich alles, was man auch bezahlen kann. Kennt man jedoch nicht den Namen eines bestimmten Medikamentes, ist es zuviel erwartet, dass man in der Apotheke auch vernünftig beraten würde. Gegen den Durchfall der Kleinen bekamen wir ein Medikament gegen Amöben. Natürlich können Amöben auch starken Durchfall auslösen, aber ganz treffend war die Wahl wohl nicht. Und in der grössten Apotheke der Stadt wurde meinem Mann Malarone verkauft mit der Indikation, die Tabletten einmal wöchentlich einzunehmen. Wir nehmen es jetzt doch einmal täglich, so wie im Beipackzettel beschrieben.Inzwischen ist Malaria auch real geworden. In der Nachbarschaft sind die ersten Leute erkrankt.Für Erwachsene die nicht zum ersten Mal infiziert werden, ist das wie eine Grippe. Für mich vermutlich schlimmer (es gibt jedoch auch bei Malaria verschiedene Formen). Und jetzt wo ich mit meiner Tochter allein bin, ganz sicher keine Option mal 2 Wochen bettlägrig zu sein. Es ist gerade wieder dunkel geworden und ich habe die gesamte Belegschaft mit Antibrumm eingesprüht…

Was Erziehung mit Entwicklung zu tun hat

Als ich das erste Mal nach Afrika gereist bin,war ich noch nicht Mutter. Aber schon damals fielen mir Unterschiede der afrikanischen Kinder zu den unseren auf. Etwa, wenn jemand etwas braucht, ruft man das nächste Kind in der Nähe, und schickt es mit ein paar Münzen los, um Brot, Zucker, Seife oder was immer zu kaufen. Ruft man ein Kind, kommt es beim ersten Mal angerannt und führt unterwürfig die Anweisung aus. Damals hat mich das beeindruckt, auch wenn ich die strenge Hierarchie, die sich dahinter verbirgt, bereits wahrgenommen habe.Bei meinem letzten Besuch hier war meine Tochter fast noch ein Baby (18 Monate alt). Sie hatte gerade erst laufen gelernt, sprach ein paar einzelne Worte. Während sie noch weitgehend vom Baby-Bonusprofitierte, merkte ich jedoch schon da, wie anders die Einstellung zu Kindern wirklich ist. Ein Baby hat Bedürfnisse und diese gelten hier, im Gegensatz zur westlichen Kultur, als naturgegeben und werden als solche akzeptiert statt unterdrückt. Babys werden nach Bedarf gestillt, wann immer und wo immer sie wollen. Und sie werden ununterbrochen von jemandem gehalten. Das muss nicht zwingend die Mutter sein, oft ist die Grossmutter eingebunden, aber auch Schwestern, Cousinen oder andere Frauen.Natürlich werden sie am Rücken getragen, und sonst halt im Arm oder auf dem Schoss gehalten.Irgendwelche Hilfsmittel wie Gitterbetten, Kinderwagen, Lauflernwagen und weitere« Aufbewahrungsmöglichkeiten » gibt es nicht. Die Menschen können es sich schlicht nicht leisten und so was wie ein Kinderwagen ist hier gar komplett absurd. Geteerte Strassen gibt es nur in den grossenStädten und auch da nur im Zentrum. Zudem fehlt es überall an einer Möglichkeit ein Baby in Sicherheit abzulegen. Die Durchschnittsfamilie hier hat ein Haus ohne Glasfenster, es gibt auch im Haus drin die Möglichkeit, dass sich Skorpione und anderes Getier versteckt. Die greifen nicht aktiv das Baby an, aber verteidigen sich natürlich, wenn sie sich gestört fühlen. Im Haus hält man sich meist nur nachts auf. Oft schlafen alle in einem Raum am Boden, oder die Kinder in einem, die Eltern mit dem jüngsten Kind im andern Raum. Tagsüber ist die ganze Familie draussen. Auch da gibt es nur Sandboden. Zudem frei herumlaufende Tiere (Ziegen, Schafe, aber auch herrenlose Katzen oder Hunde, Hühner, usw.) Bevor das Kind nicht selber sitzen oder laufen kann, lässt man es auch nicht irgendwo « am Bodenherumliegen ». Daher ist der natürliche Platz eines Babys immer auf einer andern Person. Einziges Hilfsmittel ist ein Tuch.Nachdem das Baby also in seinen ersten Lebensmonaten viel Liebe und ständiges Umsorgtsein erlebt hat, ist mit dem Ende des Babyalters der Spass vorbei. Sobald das Kind selber laufen kann, ist oftmals die Mutter bereits wieder schwanger mit dem nächsten Kind. Zudem wird nun auch vom Kind erwartet,dass es selbständig ist. Es soll selber essen und sich selber um seine Körperhygiene kümmern.Meistens sind dann die grösseren Geschwister für die Kleinen mitverantwortlich. Überhaupt spielen Geschwister eine grosse Rolle in der Kindererziehung. Stellt der Jüngste etwas an, sind die Grossen mitverantwortlich, weil sie nicht aufgepasst haben (und werden oft auch für « Fehler » oder gar Missgeschicke der Kleinen bestraft). Sie wissen schon wie es läuft und sollen deshalb den Kleinen helfen. Die Kinder haben weiterhin viel Freiheiten, die meiste Zeit verbringen sie in Kindergruppen beim Spielen. Erwachsene mischen sich nicht ein, die Grossen kontrollieren die Kleinen. Schnell stellt sich da ein natürliches Gefüge ein : Der Stärkste hat das Sagen.Wie werden aber aus den kleinen, freien Wildfängen gleichzeitig so gehorsame Helfer ? Welche Grausamkeit hinter diesen folgsamen, nach aussen « gut erzogenen » Kindern steckt, verstehe ich erst jetzt (weil ich mir früher schlicht keine Gedanken dazu gemacht habe). Was diese Kinder so folgsam macht, ist pure Angst. Gewalt ist hier ein fester Bestandteil der Erziehung, ja der ganzen Kultur.« Schlecht erzogene » Kinder, oder eben « ungehorsame » (je nach dem ob aus der Sicht von Aussen oder von den Eltern selbst) muss man ständig schlagen. Mit der Zeit reicht jedoch die Androhung. Das führt so weit, dass schon bei den Kleinkindern rsp. jüngeren Geschwistern reicht, wenn man sagt « Ich werde dich schlagen ». Ich war mässig ausgedrückt schockiert, als wir bei Freunden mit zwei Kindern zu Besuch waren. Die fünfjährige Tochter sprach unablässig davon, dass man in der Schule schlägt,dass Mama wegen dies und jenem schlagen wird, dass die Lehrerin schlägt, etc. Den ganzen Abendhörte ich nichts anderes als « schlagen ». Keiner der Anwesenden hat sich daran gestört, es wäre auch niemandem aufgefallen. Der Gedanke an ein Trauma ist nicht weit, wenn ein Kind nur noch von ihm zugefügter Gewalt spricht und davon, dass es weitere Gewalt in Zukunft erwartet. Sobald jedoch Eltern nicht mehr schlagen müssen, sondern die Androhung allein reicht, sind sie stolz, dass ihre Erziehung erfolgreich war. Nur das gebrochene Kind ist ein gutes Kind.Abgesehen davon dass dies tragische Realität für Millionen von Kindern ist, hat diese Erziehung weitreichende Folgen. Das gewaltsam unterdrückte Kind lernt, dass es nur « gut » und erwünscht ist,wenn es sich dem Willen anderer unterwirft. Wir wissen längst, wie prägend die Kindheit für das ganze Leben eines Menschen ist. Wie lernt so ein Kind, so ein Mensch, je selbständig zu denken ? Einen eigenen Willen, eine eigene Meinung zu entwickeln ? Wie funktioniert in so einer Gesellschaft Demokratie ? Sie können es sich denken : einer sagt wo’s lang geht und die andern gehorchen (das wäre dann gemäss Definition eher Diktatur). Gleichzeitig führt das « Recht desStärksten » zu einem ständigen Kampf in der Gesellschaft. Jeder gegen Jeden. Sogar innerhalb der Familie ist klar festgelegt, wer das sagen hat und wer zu gehorchen hat. Niemand stellt das in Frage.Mechanismen aus der Kindheit ziehen sich da weiter. Der Lehrer (eine Autoritätsperson) hat das Kind geschlagen. Sich bei den Eltern ausweinen gilt nicht. Der Lehrer wird schon wissen, wieso er das Kind geschlagen hat. Die Eltern werden ihm sicher nicht in den Rücken fallen. Im Gegenteil. Sie sind froh,übernimmt jemand anderes für sie « Erziehungsarbeit ». Irgendwo haben nämlich auch diese Menschen Gefühle, und fühlen sich nicht gut dabei, ihr eigenes Kind zu schlagen. Es wird mitunter dem Kind sogar vorgeworfen, dass es seinen Eltern so viel Ungehorsam antut, dass diese es schlagen müssen, obwohl sie es ja eigentlich lieben. Diese Kinder werden nie ein gesundes Gerechtigkeitsempfinden entwickeln. Sie können beliebig misshandelt werden und sich selbst dafür schuldig fühlen.Vor so einem Hintergrund kann man sich berechtigt fragen, ob die Länder und Menschen Afrikas denn bereit sind für Unabhängigkeit und Demokratie. Ich jedenfalls denke, Afrika hat noch einen langen Wegvor sich (wobei ich mir nicht mal über das Ziel im klaren bin, aber manchmal ist auch der Weg das Ziel).* Ich beziehe mich hier auf meine persönlichen Erfahrungen in Westafrika. Sie haben keinen Anspruchauf Allgemeingültigkeit.